Einleuchtend

Seine Hilfe ist all denen nahe, die ihn ehren und ihm gehorchen; bald wohnt seine Herrlichkeit wieder in unserem Land. Dann kommen Güte und Treue zusammen, Recht und Frieden küssen einander. Die Treue sprießt aus der Erde hervor und das Recht blickt vom Himmel herab. Der Herr selber gibt Gelingen und unser Land gibt reichlich Ertrag. Das Recht geht dem Herrn voraus und bereitet sich den Weg. Psalm 85,10-14

Eine Vision ist eine Spiegelung des Himmels auf die Erde. Wie in Psalm 85 hat zu allen Zeiten Männern und Frauen etwas „eingeleuchtet“ von der Herrlichkeit Gottes. Ein Stück seines Wesens, eine Regung seines Herzens, ein Ausdruck seines Willens hat Gott den Menschen sichtbar gemacht und ihnen anvertraut. Immer bringt es die Empfangenden in Lob, Anbetung und Dank. Immer bringt es die Empfangenden in Bewegung zu den Menschen „seines Wohlgefallens“. Je tiefer sich das Bild des Himmels einprägt, desto tiefer die Liebe und Leidenschaft dafür zu arbeiten, dass der Himmel auf die Erde kommt und Menschen konkret Gottes Zuwendung erfahren. Mit dem Kopf im Himmel und mit beiden Beinen auf der Erde – so leben Menschen die Vision Gottes.



Das ist ein ganz persönliches und ein gemeinschaftliches Geschenk und Aufgabe. Gott hat Dir einen ganz persönlichen Einblick in sein Herz, sein Wesen, seinen Willen geschenkt. Kannst Du das Bild beschreiben, das Dir vom Himmel her „einleuchtet“? Je klarer Du es vor Augen und im Herzen hast, desto klarer wird Dein Auftrag in Deinem Alltag. Welchen Wesenzug Gottes, welche Regung seines Herzen, welchen Ausdruck seines Willens darfst Du reflektieren und so zu den Menschen bringen? Bete darüber, meditiere darüber, sprich darüber mit einer vertrauten Person. Gott möchte sich durch Dich der Welt auf ganz einzigartige Weise zeigen.

Zugleich ist es ein gemeinschaftliches Geschenk und Aufgabe für unsere Gemeinde. Was ist „unser“ Bild des Himmels? Wovon sind wir fasziniert und beeindruckt? Was dürfen wir als Gemeinde reflektieren in unsere Umgebung, unsere Stadt hinein? Wie möchte Gott sich durch unsere Gemeinde der Welt auf einzigartige Weise zeigen? Darauf wollen wir in den nächsten Monaten gemeinsam Antworten finden. Dazu gehört der Blick auf unsere 139jährige Geschichte genauso wie unser aktuelles Schauen, Hören und Fragen zum Himmel hin.

Aus der Vision erwachsen konkrete Handlungen und leidenschaftlicher Einsatz für das, was von Gott her deutlich ist. In Psalm 85 ist es vor allem der unermüdliche Einsatz für Recht und Frieden. Ein Einsatz, der etwas kostet. Der verlangt, sein Kreuz auf sich zu nehmen, täglich. John Smith, der kürzlich verstorbene schwarze Bürgerrechtler beschrieb es so: „Wenn Du etwas siehst, das nicht richtig, nicht fair, nicht gerecht ist, dann sag etwas! Tu etwas! Nimm Schwierigkeiten auf dich, gute Schwierigkeiten, notwendige Schwierigkeiten!“ Welche konkreten Handlungen, welcher Einsatz mit Leidenschaft für das, was uns gemeinsam von Gott deutlich ist, sollen wir bringen? Wie spiegeln unsere Haltung und unsere Taten als Gemeinschaft die Vision von Gottes Wesen wider? Wofür kämpfen wir und nehmen „gute Schwierigkeiten“ auf uns? Danach wollen wir ebenfalls in den nächsten Monaten miteinander fragen. – Beides, die Vision und der konkrete Auftrag gehören zusammen. Persönlich und als ganze Gemeinde. Es braucht Dich und uns gemeinsam.

Madeleine Delbrêl (1904-1964) Begründerin einer christlichen Lebensgemeinschaft mitten in der atheistischen französischen Arbeiterstadt Ivry gilt als „Mystikerin der Straße“. Sie hat in einem Bild beide Hälften, Vision und Auftrag, miteinander verbunden: „Der Glaube ist wie eine ‚Arme Frau‘. Jedes Volk, jede Kultur und jedes Zeitalter schenken ihr ein Kleidungsstück. Wenn die Zeiten sich wandeln, ist ihr Gewand abgetragen. Sie muss neue Kleider bekommen, wenn sie sich nicht verstecken will. Aber ein Kleid ist ein Kleid (…); wenn das Kleid gewechselt wird, bleibt sie selbst unverändert. So ist es auch mit dem Glauben. (…). Es liegt in unserer Verantwortung, einen neuen Einklang zwischen den Menschen und dem Glauben zu suchen und zu finden und dabei auch zu riskieren, vor den anderen wie vor uns selbst wie ein Sonderling dazustehen. Die Christen und Christinnen brauchen nicht nur einen neuen und verjüngten Glauben: Sie müssen diesen neuen und verjüngten Glauben auch leben (…).“

Euer André Krause