Sehnsucht

In den Texten der Advents- und Weihnachtszeit kommen sich Gott und Mensch auf eine einmalige Weise nahe. Die Sehnsucht der Menschen und die Sehnsucht Gottes begegnen einander. Vieles auf Erden schreit zum Himmel und der Himmel reißt buchstäblich auf. Anders herum hat Gott schon vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise durch die Propheten zu den Vätern geredet (Hebräer 1,1) und zuletzt durch seinen Sohn Jesus Christus.

Ein Weihnachtslied von Paul Gerhardt stellt die entscheidende Frage: Wie soll ich Dich empfangen und wie begegne ich Dir? Von Anfang an werden Menschen in eine Entscheidung gestellt. Johannes beschreibt das sehr nüchtern: Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf (Johannes 1,11). In seinen Gedanken zum 24. Dezember schrieb Dietrich Bonhoeffer: „An die Krippe des Christuskindes können wir nicht treten, wie an die Wiege eines anderen Kindes. Wer an seine Krippe gehen will, mit dem geht etwas vor, der kann nur gerichtet oder erlöst wieder von ihr fort gehen, der muss hier entweder zusammenbrechen oder er weiß die Barmherzigkeit Gottes sich zugewandt.“ Wie begegnen wir dem Kommen Gottes?

 

 

Das Kommen Jesu ist eingewoben in die Lebensgeschichten vieler Menschen. Es ist auch eingewoben in die Volksgeschichte Israels. Es findet nicht abseits statt, sondern mittendrin im Alltag von ganz normalen Menschen. Das ermutigt uns, dasselbe auch heute zu erwarten.

Es ist lohnenswert, die Geschichte der beteiligten Menschen nachzulesen, ihre Wege nachzugehen, ihre Gedanken nachzuvollziehen. Gott schenkt sich ihnen und dadurch wird ihr Leben berührt, erneuert, bewegt. Nichts ist wie es war und nichts bleibt wie es ist. Was prägt Deine Beziehung zu Gott? Welche Inhalte? Welche Gefühle? Welche Bewegung? Welche Lieder? Wir können uns wieder neu beeindrucken lassen, indem wir die Menschen damals begleiten.

Zur Anregung für eine eigene Spurensuche ein paar Skizzen aus dem Reichtum der Advents- und Weihnachtstexte: (könnte z.B. eine schöne Portrait-Serie für die Hauskreise werden)

Die alten Propheten sprechen von Hoffnung, dem Morgenstern, der das Ende der Nacht ankündigt. Von einem neuen Friedensreich. Vom Ende der Schrecken. Von einer Freude, die alle Menschen erfassen wird. (Jesaja 9, 1-6 / Sacharja 9,9f.)

Der alte Priester Zacharias, der mit dem Leben schon abgeschlossen hatte, erlebt: Gott hält sein Wort. Er erfüllt seine Zusagen. Er führt aus der Finsternis zum Licht. Sein Lobgesang – das Benedictus – wird von Mönchen jeden Morgen zu Beginn des neuen Tages gebetet. (Lukas 1)

Die unbekannte Teenagerin Maria lässt Gott wirken: Mir geschehe nach Deinem Willen. Sie ist aufmerksam und sensibel: Sie bewahrte alle diese Worte in ihre Herzen. Ihr Lied – das Magnificat - ist voller Leidenschaft und Dynamik: Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. (Lukas 1)

Ihr Verlobter Josef übernimmt Verantwortung. Er hört auf Gottes Reden und lässt sich leiten, nimmt Maria zu sich. Er stellt sich Gott zur Verfügung. Später flieht er auf Gottes Geheiß mit seiner Familie nach Ägypten. (Matthäus 1 + 2)

Die Hirten werden von Außenseitern zu den ersten Augenzeugen von Gottes Ankunft in Jesus. Die Freude darüber ist so überwältigend groß, dass sie jedem, der ihnen begegnet, davon erzählen müssen, was sie gesehen und erlebt haben. (Lukas 2) Die Freude prägt ihr Leben.

Die geheimnisvollen Weisen aus dem fernen Osten kommen ins unbedeutende Judäa, um den König anzubeten. Sie lassen sich nicht von der Macht und Autorität des Herodes blenden, sondern folgen dem Stern. Sie fallen nieder und geben ihr Bestes für den neuen König. (Matthäus 2)

Die Prophetin Hanna und der alte Simeon warteten schon ihr ganzes Leben auf den Retter. Die Gewissheit konnte ihnen auch ihr Alter nicht rauben. Sie haben ihren Glauben und ihre Hoffnung lebenslang bewahrt. Und am Ende wird ihre Treue belohnt: Sie halten Jesus in den Armen und preisen die Erlösung Gottes. Nun können sie in Frieden sterben. (Lukas 2)

Zu welcher Person findest Du eine innere Beziehung? Was beeindruckt Dich? Was kannst Du von ihr lernen? Sie alle haben den Retter gesehen und ihr Leben wurde völlig verändert. Jesus ist bei ihnen angekommen. Die ihn aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben (Johannes 1,12). In Gottes Familie spürt man die Hoffnung, die Freude, die lebensverändernde Kraft von Weihnachten. Gott kommt! Gott sei Dank!