Gottesliebe und Menschenliebe

Ein Gesetzeslehrer wollte Jesus auf die Probe stellen. »Meister«, fragte er, »was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?« Jesus entgegnete: »Was steht im Gesetz? Was liest du dort?« Er antwortete: » ›Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe mit aller deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand!‹ [5.Mose 6,5] Und: ›Du sollst deine Mitmenschen lieben wie dich selbst!‹ [3. Mose 19, 18]« – »Du hast richtig geantwortet«, sagte Jesus. »Tu das, und du wirst leben.«

Lukas 10,25 – 28

Da kommt ein Schlauer und stellt Jesus eine Frage, auf die er die richtige Antwort schon hat. Er stellt die Frage, um zu testen, ob Jesus auch auf der richtigen Seite steht. Ob er rechtgläubig ist. Und gleichzeitig spürt man, so ganz sicher ist er sich nicht. Es geht ihm ums Ganze, um ewiges Leben bei Gott. Er will ganz bei Gott sein. Und das hat kein Mensch im Griff. Es geht schließlich ums ergriffen sein.

Jesus schickt ihn zum Bibellesen. Was steht in der Bibel? Was liest Du? Gott hat seinen Willen offenbart in seinem Wort. Die Frage ist, was wir lesen und wie wir lesen. Der Gesetzeslehrer kennt die Bibel auswendig und hat die richtige Antwort parat: zwei Kernaussagen der Tora, für jeden Juden verbindlich und zentral. 100 Punkte.

Richtige Antwort, sagt Jesus, aber falsche Haltung. Sein Wissen bringt ihn nicht in den Himmel. Tu das!, und du wirst leben – so fordert ihn Jesus auf, aus seinem Elfenbeinturm aus Wissen heraus ins Leben aus Liebe. Nur tote Theorie bringt kein ewiges Leben. Der Mann findet sich als Gesetzeslehrer im Niemandsland wieder. Alles Wissen im Kopf, aber keine Beziehung im Herzen. Weder zu Gott noch zu anderen Menschen. Ziemlich allein.

Wer ganz bei Gott sein will, ewig leben will, der muss ihn ganz lieben. Mit allen Fasern des Seins. Von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit aller deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand. So beginnt ewiges Leben – Gott lieben. Liebe kann man nicht befehlen. Aber Liebe ist eben nicht nur ein Gefühl, sie ist eine Entscheidung – jeden Tag. Liebe will geübt sein, will gelebt sein, sucht nach Begegnung und Lebensformen mit dem lebendigen Gott. Je länger, je mehr.

Und das zweite gilt ebenso: wer ganz bei Gott ist und ihn von ganzem Herzen liebt, der hat Liebe für den Nächsten. Paul Zulehner beschreibt es so: „Wer in Gott eintaucht, taucht neben den Armen auf.“ Im anschließenden berühmten Gleichnis vom barmherzigen Samariter erklärt Jesus dem schlauen Frager, wie Gottesliebe und Menschenliebe ganz praktisch zusammenhängen. Und nochmal fordert er den frommen Theoretiker auf: Geh und mach es ebenso!

Menschen, die Jesus nachfolgen, erkennt man an zwei Merkmalen: sie lieben Gott über alles und sie teilen ihr Leben mit Menschen in selbstloser Liebe. Genau wie Jesus es getan hat.

In der alten Kirche haben geistliche Frauen und Männer Anleitungen geschrieben: die Praxis Pietatis – geistliche Übungen. Tu das, und du wirst leben! Die Aufforderung Jesu gilt uns heute genauso. Die Liebe zu Gott soll wachsen, reifen, an Tiefe und Vertrauen gewinnen. Die Liebe zu Menschen braucht Übung, dass sie ausgewogen und hilfreich bleibt. Und dazu braucht es tägliche Übung. Wir können auf diese Schätze der Kirchengeschichte zurückgreifen. Sie lesen und uns inspirieren lassen für unseren eigenen Übungsweg der Liebe. Es tun und in unseren Alltag integrieren müssen wir selbst.

Jesus führt uns das Herzstück der Gemeinde vor Augen. Reduziert auf das Wesentliche, auf den Kern. Von hier, von der Liebe zu Gott und zum Nächsten kommt alle Lebenskraft für die Gemeindearbeit. An dieser Stelle geht es ums Ganze: Um Dein und mein Herz, Deine und meine Liebe, Deine und meine Hingabe an den lebendigen Gott. Dass die Liebe zu Gott lebendig bleibt, wächst, ist Deine und meine erste Aufgabe und Verantwortung als NachfolgerInnen Jesu. Gemeinde soll dazu helfen. Tun müssen wir es selbst. Wenn das Herz lebt und lebendig ist, dann ist der Gemeinde-Körper kraftvoll und bereit.

In der Liebe zu Gott erfahren wir, wie Gottes ewiges Leben in unserem Raum greift. Wie seine Herrlichkeit und Schönheit hineinstrahlt in unseren Alltag. Wie seine Liebe uns verändert und zu neuen Menschen macht. Seine Liebe ist das Wertvollste und Schönste, das wir als Menschen erfahren können. Liebe Gott und du wirst leben.

Euer Pastor André Krause