Der heimatlose Gott - Unterwegs

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Das Unwandelbare an Gott ist seine Wandelbarkeit. Ein Paradox, aber anders kann man es kaum in Worte fassen. Wir Menschen neigen zur Sesshaftigkeit, Gott hingegen bricht auf und geht weiter. In der Antike kam es vor, dass die Götterstatuen in den Tempeln keine Füße hatten, damit sie nicht weggehen konnten. Eine andere Methode, die Götter zu halten, war, die Figuren in den Tempeln anzuketten. Es scheint also eine Grundsehnsucht des Menschen zu sein, seine Götter festzulegen. Natürlich sagte man, dass die Götter den Kosmos beherrschten, aber in Wirklichkeit wollte man die Götter beherrschen und sich ihrer bemächtigen.

Man brachte ihnen Opfer dar, um sie gnädig zu stimmen, damit sie das taten, was die Menschen wollten. Die Autoren der Bibel schreiben über ihre Gotteserfahrungen und ihr Gottesverständnis. Der Gott des Judentums und des Christentums ist ein Gott in Bewegung. Gott bewegt sich einerseits immer auf den Menschen zu und geht ihm nach, andererseits entzieht er sich jeder Vereinnahmung. Und mehr noch: Gott fordert den Menschen auf, seine Sicherheit, seine Heimat zu verlassen, um ihm, dem nomadischen Gott, in die Fremde zu folgen. Abraham verlässt Ur und zieht nach Kanaan, Israel wird aus der Sklaverei befreit und folgt seinem Gott in die Wüste. Das Buch Exodus erzählt von dieser Befreiung, aber es berichtet auch davon, dass das Volk sich immer wieder nach der Sicherheit der Sklaverei zurücksehnt. Das Volk Israel hat Angst vor der Freiheit, es misstraut dem verheißenen neuen Land und es ist zutiefst unzufrieden darüber, dass es keine Kontrolle über diesen unberechenbaren Gott hat. Diese Gemengelage mündet in der Versuchung, sich dieses Gottes zu bemächtigen, indem man ihn als Stiergottheit abbildet. Denn nun muss man nicht mehr hinter diesem unbegreiflichen Gott herziehen, sondern man hat ihm eine Gestalt gegeben, die man mit sich führen kann. So wurden die Rollen vertauscht, bis Mose einschritt und die Figur zerstörte. Das Bilderverbot bewahrte Israel vor der Verwechslung des Bildes mit dem Abgebildeten. An die Stelle des Bildes trat die Schrift, die Thora, aber auch die Schrift konnte mit Gott verwechselt werden, sozusagen vergottet werden.

Deshalb geht die Wanderung Gottes weiter, er wird in Jesus Mensch und ruft die Menschen in die Nachfolge. Das Leben, das Tun und das Reden des Wanderpredigers Jesus war aber solch eine Herausforderung, dass die geistig Sesshaften ihn aus politischen und religiösen Motiven zu Tode brachten. Aber auch der Tod konnte Gott nicht halten, die Evangelien erzählen von den Begegnungen des Auferstandenen mit seinen Jüngern. Die Auferstehung Jesu kennzeichnet aber nicht einen Endpunkt der Wanderungen Gottes, das Paradies bricht nicht an, Jesus entzieht sich in der Himmelfahrt seinen Jüngern. Es ist nicht möglich, Jesus festzuhalten. Die Apostelgeschichte erzählt dann vom Pfingstereignis, der Geist des heimatlosen Gottes erfüllt die Jünger, sie werden entflammt und bewegt. Nicht sie haben Gott, sondern er hat sie. Mit dem Verströmen des Geistes beginnt die Kirchengeschichte, eine Geschichte der Wege, der Umwege und der Irrwege. Mit immer neuen Methoden haben Christen versucht, Gottes habhaft zu werden, aber Gott entzieht sich. Man kann ihn weder mit starren kirchlichen Hierarchien an die Leine nehmen noch ihn in dogmatischen Systemen oder in Sakramenten einsperren. Gott ist ein Ausbrecherkönig, wir können ihn mit nichts halten, nur hoffen, dass er uns hält. Er ist uns immer einen Schritt voraus, lockt uns in die Weite und setzt unseren Fuß auf weiten Raum.

Was heißt das für uns heute? Sollen wir alles aufgeben, was unser Leben ausmacht? Sollen wir Christen wie das fahrende Volk die Campingplätze der Welt bevölkern? Vielleicht der ein oder andere. Dem heimatlosen Gott nachzufolgen beinhaltet nicht ein einfaches Rezept, das für alle gleich aussieht. Ich kann durch die Welt reisen und bin doch in meinem Geist festgelegt und unbeweglich. Genauso kann ich ein normales Leben führen, während mein Geist frei und beweglich dem nomadischen Gott folgt.

Die irischen Mönche des frühen Mittelalters pflegten den Gedanken der Pilgerschaft. Sie wollen sich an nichts als an Gott binden. Im Zusammenhang mit der Pilgerschaft sprachen sie auch von der Bereitschaft zum Martyrium. Dabei unterschieden sie zwischen dem roten, dem grünen und dem weißen Martyrium. Das rote Martyrium bedeutete, dass jemand für seinen Glauben starb; das grüne Martyrium hieß, dass jemand seine Heimat, seinen Besitz und seine Familie verließ, um auf eine physische Pilgerreise zu gehen. Das weiße Martyrium besagte, dass man ein normales Leben führte, aber auf eine geistige Pilgerreise ging. Es war die Reise nach innen, in die Stille, der Weg der christlichen Mystik. Dies war und ist der Weg, der die Sicherheit aufgibt, der nicht mehr Gott kontrollieren und bändigen will. Es ist der Weg des Vertrauens, der kein Geländer kennt, weil man dem vertraut, der immer mindestens einen Schritt voraus ist.

von Gerrit Pithan

Aus:
Herrlich, Das GJW-Magazin 01/2016
Nachzulesen und zu Hören bei
www.gjw.de/herrlich_2016_01

Bild: Werner / pixelio.de