Entkleiden und Bekleiden - Der Weg zur wahren Freiheit

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Endlich wird es Sommer. Endlich scheint die Sonne und die Laune der Menschen beginnt sich aufzuhellen. Mehr Freude und auch mehr Haut werden sichtbar. Vielleicht liegt die Freude nicht an der Sonne allein. Die Menschen beginnen, sich zu entblößen. An manchen Seen Leipzigs muss man im Sommer gar aufpassen, dass man noch bekleidete Menschen antrifft. Dort tummeln sich die vollständig Entblößten. Im Garten Eden gab es da eine umgekehrte Dynamik. Zuerst ist der Mensch nackt, und plötzlich, nach seinem Sündenfall, hat er das erste Mal das Bedürfnis, sich zu bedecken. Die Leipziger würden sich wundern, was da wohl falsch gelaufen ist mit Adam und Eva. Nach der Übertretung des Gebotes Gottes fühlt sich der Mensch zum ersten Mal in seinem Dasein nackt. Er möchte sich vor den Blicken des anderen Menschen und vor den Blicken Gottes schützen. So macht er sich auf die Suche nach Feigenblättern.

Der Mensch ist von Anfang an nackt geschaffen und bemerkenswerter Weise betitelt Gott den Zustand in seinem nackten Dasein als gut! Es gibt nichts, was bedeckt oder versteckt werden müsste. Der Mensch darf sich in einer Atmosphäre absoluter Wertschätzung und Vertrauenswürdigkeit vollkommen nackt und verletzlich zeigen, ohne Misstrauen haben zu müssen. Mit dem Biss in die Frucht beginnt allerdings das Versteckspiel. Es beginnt mit dem Bedecken der körperlichen Nacktheit. Aber es endet nicht hier. Denn das Bedürfnis, seinen Körper bedecken zu müssen resultiert aus dem Gefühl, dem anderen schutzlos ausgeliefert zu sein – eben nackt und verletzlich zu sein.

Ist es nicht so, dass wir Menschen, sobald wir gewisse Fähigkeiten und Werkzeuge (Feigenblätter) erlangt haben, alles dafür tun, um eben nicht bloßgestellt und schutzlos zu sein?! Wir beginnen also uns zu bedecken und eben auch zu verstecken. Wir bekleiden uns „modisch“, kaschieren unsere Problemzonen und tragen „Schminke“ auf, um „unsere Hautunreinheiten“ zu bedecken. Wir verstecken nach Möglichkeit alles an uns, was in den Augen des anderen als nicht liebenswert und attraktiv betitelt werden könnte. Bis auf den heutigen Tag trägt die Menschheit ihre Feigenblätter. Manche in ihren eigenen Augen sehr fortschrittlichen Menschen versuchen zwar mit der bewusst gewollten äußerlichen Entblößung, der Scham und Angst vor dem Anderen zu entgehen. Sie glauben eine Freiheit erlangt zu haben, welche den meisten anderen Menschen verwehrt geblieben ist. Doch liegen sie richtig mit ihrer Annahme? Denn auch im nackten Zustand kann das Versteckspiel vor dem Anderen weitergehen. Ist es nicht die innere Nacktheit und Verletzbarkeit, die uns zum Bedecken unserer rein äußerlichen und auch innerlichen Nacktheit führt? Vor wem aber versuchen wir uns vor allen Dingen zu verstecken? Ist es wirklich in erster Linie unser Mitmensch? Oder ist es nicht vielmehr der Blick des Schöpfers, der uns bange macht? Von dem wir spüren, dass er uns sieht und vollkommen durchschaut? Oder aber er ist uns so gleichgültig geworden, dass wir wirklich nur noch auf uns und unseren Mitmenschen fixiert sind. Dennoch: Das Gefühl von Schuld und Scham bleibt.

Was aber versuchen wir vor dem Schöpfer zu verstecken? Adam und Eva geben zwar zur Antwort, sie verstecken sich, weil sie nackt waren. Allerdings liegt diese Antwort nur auf der Ebene der Information. Denn auch davor wussten sie schon, dass sie „nackt“ waren. Allerdings hätten sie ihren Zustand vermutlich anders benannt. Möglicherweise hätten sie „offen“ gesagt. Das Gefühl der innerlichen und äußerlichen Nacktheit resultiert aus dem Übertreten des Gebotes Gottes! Ist es allein die Scham, die sie spüren? Scham aufgrund ihrer Nacktheit oder ist es auch die Schuld, weil sie Gott misstraut haben und ihm ungehorsam gewesen sind?

Statt ihre Schuld einzugestehen und sie zu bekennen, tun sie das, was wir auch immer dann tun, sobald uns jemand unsere Schuld aufzeigt: Wir versuchen sie zu bedecken und tun so, als sei sie nicht vorhanden. Allerdings steht uns die Scham trotzdem offen ins Gesicht geschrieben. Ähnlich wie Adam und Eva bleiben wir dann auf der sogenannten „Sach- oder Informationsebene“ hängen und diskutieren die Fakten. Auf der Ebene der Fakten mögen wir die Dinge richtig benennen. Doch die Fakten verschleiern sehr häufig die tiefere Ebene der wahren Beweggründe des Herzens. Adam und Eva bringen es nicht über die Lippen, Gott zu bekennen, dass sie ihm misstraut und sein Gebot übertreten haben.

Was ist ihre zweite Strategie? Wer war noch mal wirklich schuld daran, dass wir in den am Ende doch sauren „Apfel“ gebissen haben? Der Mensch sucht nach Schuld beim Mitmenschen, dann sucht der Mensch beim Tier / Teufel, danach möchte man meinen bei Gott – wer hat noch mal die Schlange / den Teufel geschaffen? Und da haben wir es. Am Ende ist doch Gott wieder an allem schuld oder nicht? Heute sind wir immer noch die gleichen wie Adam und Eva. „Der Apfel fällt ja - bekanntlich - nicht weit vom Stamm.“

Das Misstrauen gegenüber Gott führt zum Misstrauen gegenüber unserem Nächsten. Der Mensch bekommt die Untreue des anderen zu seinem Schöpfer mit. Wenn der Mensch also schon dem vollkommenen, guten Schöpfer nicht vertraut, wieso sollte er dem unvollkommenen, dem nackten und verletzlichen Menschen vertrauen? Wenn der Mensch schon dazu bereit ist ,sich über den Schöpfer zu erheben („Ihr werdet sein wie Gott“), wie viel mehr wird er sich über seinen Mitmenschen erheben. Auch darin haben wir uns bis heute nicht verändert. Wie kommen wir also wieder zurück zum paradiesisch nackten und freien Zustand?

Wahre Freiheit beginnt, wenn wir Menschen aufhören, Verstecken zu spielen. Sie beginnt, wenn wir Menschen in den Raum der Liebe Gottes in Jesus Christus treten und dann anfangen, uns zu entkleiden, bis wir wieder völlig nackt sind vor Gott und manchmal auch vor dem anderen. Erst der, der sich entkleidet und zeigt, wer er ist, wird auch die Erfahrung machen, geliebt zu werden, weil er ist, wie er ist. Manchmal auch, obwohl er ist, wie er ist. Oder geliebt zu werden, weil Gott ist wie Gott ist. Wahre Intimität bei Gott und beim Menschen geschieht erst im Zustand des wahren Entkleidet-Seins, selbst wenn wir angezogen bleiben.

Es grüßt euch herzlichst, euer Alexander Pritzkau

Bild: Rainer Sturm / pixelio.de